Friday, February 15, 2013

Riz au poisson

Mit dem Übergang von der West-Sahara nach Mauretanien verändert sich auch die Zubereitung des Fisches, der an der Küste in rauhen Mengen gefangen wird und abends auf den Teller kommt. Nördlich der Grenze dominieren Zubereitungsarten, die man auch in Europa findet, fritture, brochette und grillade. Fisch, Pommes frites und Gemüse bzw. Salat werden mehr oder weniger säuberlich getrennt auf dem Teller serviert. Ab Nouadhibou überwiegen an der Küste aber schwarzafrikanische Einflüsse, besonders die aus dem Senegal. (Die arabischstämmigen Nomaden betrieben keinen Fischfang, und ihre Nachfahren kennen daher keine eigenen Fischgerichte.) Das bedeutet, dass der Fisch in seine Einzelteile zerlegt wird und eine überdimensionierte Reisschüssel ziert, in der sich neben dem Reis selbst noch verschiedene gedünstete Gemüse befinden. Das ganze wird mit dem schmackhaften Gemüsefonds übergossen, der dem Reis seine rötliche Farbe gibt. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Gericht bereits gegessen habe. Sei es in einem senegalesischen Restaurant in Nouadhibou, in einem gottverlassenen Camping am Meer, oder auf dem harten Boden einer Busagentur in Nouakchott. Am letzten Tag der Reise habe ich es sogar zweimal gegessen: in einer Garküche auf Gorée und in meiner Hotelbar in Dakar. Es scheint so verbreitet zu sein wie Plov in Zentralasien. Genau wie dort gibt es auch bei riz au poisson kleine, aber bedeutsame Varianten: die verwendete Fischsorte, die Schärfe, mit der selbiger gebraten oder gegrillt wurde, die Konsistenz des Reises, die Zusammenstellung der Gemüse und den Geschamck der Sauce. Aber jedesmal war es vorzüglich. Nicht nur weil es so vorzüglich zum leicht salzigen, aber nie aufdringlichen Geruch des Atlantiks passt. Riz au poisson, der Allerweltsname des Gerichts, bekennt sich zu seinen Wurzeln in der senegalesischen Volksküche, wo es als Thie Bou Dienne bekannt ist. Der schlichte Name verschweigt aber, dass diese in großen Blechschüsseln aufgetragene und zumeist mit den Fingern gegessene Speise Opulenz und Leichtigkeit, Frische und Nahrhaftigkeit, vereint.

Monday, February 4, 2013

Bilder aus dem mauretanischen Landesinneren

Ich fasse mich kurz und lasse Bilder anstelle von Worten sprechen: Die Oase Azougui bei Atar, von der Passhöhe aus gesehen:



Die Ruinen von Ouadâne:



Die Moschee der alten Karawanenstadt Chinguetti:

Besonderheiten des mauretanischen Verkehrs

1. Der Fuhrpark. Besteht im Wesentlichen aus 30 Jahre alten Mercedes-Limousinen, japanischen Geländewagen (im Binnenland) und Eselskarren.
2. Ampeln. Im ganzen Land ungefähr 10. Dafür ab und zu Polizisten, die den Verkehr regeln.
3. Kreisverkehr. Gibt es ab und zu. Dann meistens überdimensioniert.
4. Öffentlicher Transport. Auf den Hauptachsen (von Nouakchott nach Nouadhibou, Atar und evtl. Nema) gibt es Minibusse mit festen Zeiten. Ansonsten die sogenannten Buschtaxis (taxi-brousse), in dem sich ca. 10 Menschen in einen Mercedes-Kombi quetschen, Gepäck auf dem Dach. Ein Fall für Stoßgebete, aber es gibt keine Alternative.
5. Kamele: ein häufig auftretendes Hindernis, das sich nicht groß um den Verkehr kümmert und zum Bremsen zwingt.
6. Ziegen (I). Was die Kamele außerorts sind, sind die Ziegen innerorts: ein Ärgernis. Die Mauretanier lassen ihr Vieh auch in der Stadt frei herumlaufen.
7. Ziegen (II). Sondergepäck, das in einem Sack verschnürt auf dem Dach eines Busses transportiert wird. Als ich meiner Verwunderung über diese Reisegefährten äußere (die Viecher schreien wie am Spieß), wird mir beschieden, dass dies normal sei. Vor dem muslimischen Opferfest sind es wohl gerne auch mal 10 Stück! 8. Schlaglöcher. Gibt es viele. Der Fahrer meines Buschtaxis nach Rosso wich ihnen gerne aus und fuhr dann am äußersten linken (!!!) Rand der Straße.
9. Pisten. Der Weg nach Ouadâne, Chinguetti und andere historische Stätten verläuft teilweise oder ganz über sie. Wirbeln viel Staub auf.
10. Checkpoints. Gibt es sehr viele, und zwar von verschiedenen Institutionen (Polizei, Gendarmerie, Surete Nationale). Dann dauert es eine Viertelstunde, bis die Herrschaften die Passdaten des reisenden Ausländers kopiert haben – es sei denn, man hat in rauhen Mengen “fiches” (Fotokopien des Passes) dabei. Unverzichtbares Reiseutensil.
11. Verkehr. Glücklicherweise weniger dicht als in Neapel, denn...
12. Regeln. Keine.

Auf Wiedersehen, Fiat Ducato

Ensablement (II)

Entlang der Straße nach Nouakchott befindet sich auch das mit spanischem Geld erbaute, sehr informative Besucherzentrum des Banc d'Arguin-Nationalparks. Hier erhält Marius eine folgenschwere Information: es gebe eine neue Piste nach Nhamgar, an der Baie de St. Jean gelegen, “comme du goudron” (wie Asphalt). Marius beschließt, dies auszuprobieren und dort zu übernachten, anstelle nach Nouakchott weiterzufahren. Zunächst geht alles gut, auch wenn die Piste bedeutend schlechter ist als erhofft. Dann aber endet sie plötzlich, und wir müssen mehrfach die Sandplatten gebrauchen, um den Bus zu befreien und zur parallel verlaufenden Piste am Strand vorzustoßen. Ich frage Marius, ob zurückkehren nicht die bessere Wahl ist – nein, nein, er kenne die am Ufer verlaufende Piste, und sobald man sie erreicht habe, liefe alles von selbst.

Keine halbe Stunde später stecken wir an einem berückend schönen Streifen Küste in the middle of nowhere hoffnungslos fest. Die Räder sind fast gänzlich im Sand eingesunken, es gibt kein vor, kein zurück, auch nicht mit Sandplatten. Einem Auto sind wir schon lange nicht begegnet, und bald geht die Sonne unter. Zudem haben wir weder Handyempfang noch Zelte noch ausreichend Proviant und Wasser an Bord.



In solchen aussichtslosen Situationen ertönt im Western das Signal der anrückenden Kavallerie. Für uns ist dies die Silhouette zweier französischer Jeeps: zwei Ehepaare, die auf dem Rückweg aus Guinea-Bissau nach Bordeaux sind, zögern nicht mit Hilfe eines Taus den Karren aus dem Sand zu ziehen. Allerdings tun sie dies mit soviel Elan, dass wir uns miteinander fragen, ob die nächste Rettungsaktion darin besteht, den Bus mit vereinten Kräften aus der stabilen Seitenlage zu befreien. Glücklicherweise geht aber alles gut.

Nach ausgiebigem Dank erreichen wir beim Sonnenuntergang das Dorf Nhamgar und richten uns im ortseigenen “Camping” häuslich ein. Dies sind zwei Holzhütten, die schon seit Monaten nicht mehr gebraucht wurden und weder über Elektrizität noch über fließend Wasser verfügen. Dafür liegen sie aber einsam und abgeschieden am Meer, das sich im Nachglanz der Sonne zur Ruhe bereitet. Zu dieser Stunde der Dämmerung gleicht das Blau des Wassers bereits der Tintenfarbe: tief und unergründlich, aber noch glitzern Lichtblitze auf den kleinen, wie lose Blätter hin- und herwogenden Wellen. Am Westhorizont leuchtet derweilen der Himmel noch blutorangen, was der ganzen Szene etwas Surreales und Übersteigertes verleiht.

Man hat uns im Dorf versprochen, es kämen ein Elektriker und Essen für alle. Letzteres lässt auf sich warten. Der Elektriker kommt wirklich – aber vor allem weil Marius bei einer kleinen Tour ins Dorf einen Strompfahl beim Rangieren beschädigt hat, der das ganze Dorf in nächtliches Dunkel hüllt. (Man sieht kaum einen Unterschied, da die wenigsten Hütten Elektrizität haben.) Die finanzielle Seite ist schnell und sehr glimpflich geregelt, aber unserem Kofferraum geht es weniger gut: er lässt sich durch die verbogene Stoßstange nämlich nicht mehr öffnen, so dass wir am nächsten Morgen das Auto via die Rückbank beladen.

Da das Essen immer noch nicht eintrifft und manche schon gar nicht mehr damit rechnen, schwimme ich eine Runde im Mondlicht, und siehe da, gerade als ich wieder an Land gehe, mit dem appetitanregenden Salzgeschmack auf den Lippen, wird eine Riesenschlüssel poisson au riz angeliefert. Sie dachten, wir wären mit 14 Leuten. Klar, dass das was länger dauert.

Obwohl wir den ganzen Tag kaum etwas gegessen haben, bleibt ordentlich was über. Wir gehen schnell schlafen, weil am nächsten Tag müssen wir früh aufstehen. Es geht den Strand entlang Richtung Nouakchott, und das geht nur bei Ebbe. (Denselben Weg zurückzufahren war keine Option, warum, dürfte klar sein.)

Pünktlich zum Sonnenaufgang, der ein weiches goldenes Licht über den blauen Himmel wirft, geht es los. Wir brauchen noch ein letztes Mal die Sandplatten, um den Strand zu erreichen. Dann sind wir unten. Dort können wir nur auf einem wenige Meter schmalen Streifen zwischen Dünen und Meer fahren – ansonsten würden wir direkt einsinken. Aber das geht flott – bedauerlich ist nur, dass ich kaum Fotos machen kann, da Marius Angst hat, dass wir bei einer Pause den Wagen danach nicht mehr flottkriegen.



Es wird eine atemberaubende Fahrt, auf der wir baumhohe Dünen passieren, die nahezu senkrecht ins Meer fallen. Nach einer Stunde und knapp 50 km sind wir – leider – am Ziel und nun geht es über die Schnellstraße in die mauretanische Hauptstadt, wo ich die Gruppe wie geplant verlasse, um in die Adrar, das mauretanische Binnenland, zu reisen. Ja, es gibt noch mal eine Reifenpanne, deren Reparatur etwas länger dauert (wir können den Kofferraum ja nicht öffnen). Aber was soll's: es war eine spannende, faszinierende und manchmal auch aufregende Tour! Allen Teilnehmern ein herzliches Dankeschön!

Monday, January 28, 2013

Ensablement (I)

Nach Nouadhibou steht für unsere Vogelfreunde, Gerke und Ipe, Anke und Leon, der Höhepunkt der Reise an: zwei Nächte im Banc d'Arguin-Nationalpark, wo verschiedenste Zugvögel an der Atlantikküste ihr Winterquartier aufschlagen. Allerdings ist der Zugang aus Mangel an Asphaltstraßen etwas umständlich, da unser Fiat Ducato über keinen Vierradantrieb verfügt.

Meistens bedeutet dies nicht mehr als ein ständiges Rütteln oder Schütteln, aber an einigen Stellen haben feste Dünen oder Sandwind aus der inneren Sahara den Boden dermaßen aufgeweicht, dass unser Auto einsinkt. Ein ensablement. Dann heißt es alle aussteigen, Luft aus den Reifen, Sandplatten vom Dach, und die Räder mit den Händen freigraben. Nachdem Marius erkundet hat, welcher Querfeldeinweg einen griffigeren Untergrund als die Piste bietet, schieben wir das Auto an und insch'allah – es bewegt sich und sandet (in den meisten Fällen) nicht 10 Meter weiter wieder ein. Marius fährt dann vor und wir laufen hinterher. Da man mit Flipflops schlecht anschieben kann, gewinnt “barfuß durch die Wüste” für mich eine neue Bedeutung.

Der Unterhaltungswert dieser Unterbrechungen sinkt aber in dem Maße, wie sie sich häufen. Nachdem wir ein letztes, abschüssiges Sandfeld, wo sich die Piste zwischen Felsen und Dünen zur Küstenebene hinabwindet, überquert haben, ist es aber geschafft und wir düsen mit knapp 60 km/h nach Iouik, unserem Etappenziel. Es gibt dort eine Ansammlung ärmlicher Fischerhütten, ein paar etwas weniger ärmliche Hütten, in denen niederländische Forscher ihrer Arbeit nachgehen, und ein “Camping” – das heißt, ein paar geräumige Nomadenzelte auf einem Hügel über dem Ort, in denen wir unsere Schlafsäcke auf bereits vorhandene stabile Matrattzen legen können. Ansonsten gibt es nichts: bräunlich-graue Erde, mti Seegras bewachsene Sandbänke und Wasser, viel blaues Wasser. Da wir endlich einmal zeitig ankommen, kann jeder den Nachmittag auf seine Weise genießen. In meinem Fall bedeutet das, surprise, surrpise, Strandspaziergang und Schwimmen.

Den nächsten Tag verbringen wir auf einer Lanche – einem kanarischen Segelboot, das die örtlichen Fischer dazu nutzen, den Fisch einzubringen oder die sehr spärlichen Touristen herumzufahren. 2012 war bereits ein Topjahr – ganze 180 Touristen fanden sich ein, um diesen Segeltörn mitzumachen. Im Jahr davor waren es 56.

Ich überschlage diesen sehr beeindruckenden Ausflug und berichte nur, dass der Slogan vom Wattenmeer under tropischer Sonne insofern irreführt, dass er die bei Flut im Wasser versinkenden Mangrovenwälder und die Unmengen von Flamingos, Kormoranen und Pelikanen, die vor uns vorbeifliegen, verschweigt. Alle sind in ihrem Element (in meinem Fall: das Wasser). Später empfängt uns Sidi, der Leiter des Campings, der in Murmansk (!!!) studiert hat und ausgezeichnet Russisch spricht (in jedem Fall viel besser als ich), zur obligatorischen Teezeremonie, die mit viel Hin- und Hergeschütte sowie Unmengen von Zucker einhergeht.

An diesem weltvergessenen Ort könnten wir es sicher länger als zwei Nächte aushalten, aber die Gruppe muss sechs Tage später aus Gambia zurückfliegen. So machen wir uns denn nach einem hastigen Frühstück zurück zur Straße – diesmal dauert die Tour keine drei, sondern viereinhalb Stunden – und verspeisen im Gare du Nord, einer Art Raststätte auf halbem Wege zwischen Nouadhibou und Nouakchott, unseren Lunch, ein Baguette mit Pommes frites, Zwiebeln und Kamelfleisch.

Am Cap Blanc

Der erste Eindruck von Mauretanien nach der gräßlichen Grenze ist ernüchternd. Die Außenbezirke der Hafenstadt Nouadhibou, der ökonomischen Kapitale des Landes (ca. 120.000 Einwohner), begrüßen uns mit ärmlichen Stein- und Holzhütten, auf der Straße herumlaufenden Vieh und Müll, der überall herumliegt.



Wir fahren weiter zum Cap Blanc, das die Halbinsel abschließt, auf der Nouadhibou liegt. Auf der Innenseite des Kaps, in der Baie Lévrier, liegen zahlreiche ausgediente Schiffe vor Anker, die reiche Industrienationen hier entsorgt haben – wahrscheinlich ein Deal mit einer früheren, korrupten Regierung. Auch am Kap selbst liegt ein Schiff am Strand – ein großer Fischkutter, der im Jahr 2004 aufgrund eines Manövrierfehlers dort gelandet ist und seitdem vor sich hinrostet. Allerdings harmoniert das Rostrot des Kutters vorzüglich mit dem Rot des Sandes oben auf den Klippen – mineralischer Sand, der vom nahegelegenen Umschlaghafen für Mineralien herübergeweht wird. Dieser wiederum kontrastiert herrlich mit dem gelblichen Sand und dem dunkelgrünen Dünengras unten am Strand. Ein herrlicher Ort, dessen Ausstrahlung ebenso auf die Natur wie – seltener Fall – auf den Menschen zurückzuführen ist.



Wir sind die einzigen Besucher des Nationalparks, den die Spitze dieser Halbinsel bildet. Der Sandsturm hat sich mittlerweile gelegt und gibt uns die Gelegenheit durchzuschnaufen und die Landschaft zu erkunden. Zunächst werden wir von einem freundlichen Parkwächter zu einem kleinen Museum und zum Leuchtturm begleitet. Dort sichten wir eine der vom Aussterben bedrohten Mönchsrobben, die dort ihr Revier hat. Dann steigen wir, durch ein Tau abgesichert, herunter zum Strand, wo ich mir die Gelegenheit, neben dem Schrottschiff zu schwimmen, nicht entgehen lasse. Die Strapazen des Grenzübergangs, eher mental als körperlich, fallen von mir ab und entspannt kehren wir nach Nouadhibou zurück, wo wir später ein ausgezeichnetes senegalesisches Essen in einem Hinterhof-Restaurant einnehmen und für Frans und mich einen Chekh, das Kopftuch der Nomaden der Sahara, erwerben. Nach überstandenem Sandsturm weiß ich, dass dies kein Symbol religiöser Fanatiker, sondern bare Notwendigkeit in der Wüste ist.

C'era una volta: il West

Marius hatte uns vorgewarnt: der Übergang über die marokkanisch-mauretanische Grenze könne ohne weiteres einen halben Tag dauern. Das erweist sich als zu optimistisch, aber das Schlimmste ist nicht die Warterei, sondern die vielen deprimierenden Dinge, die wir an der Grenze, und vor allem im Niemandsland zwischen beiden Posten sehen.

Als wir um kurz nach neun, der offiziellen Öffnungszeit, an der Grenze ankommen, stehen bereits 50 Autos vor uns. Manche wohl seit gestern abend. Marius ist auch überrascht, so eine lange Schlange habe er noch nicht erlebt. Die Mehrzahl der wartenden PKWs gehören in Europa (oder ggf. Marokko) arbeitenden Segenalesen, die mit Sack und Pack die Heimreise antreten und jeden Kubikzentimeter ihres Autos zum Gütertransport einsetzen. Ich laufe nach vorne. Die Grenze ist immer noch geschlossen, und ein marokkanischer Offizier schlichtet gerade einen Streit zwischen der Fahrer eines mauretanischen Autos, dass sich in die Reihe drängen will, und einem Haufen erboster Senegalesen. Letzteren sind noch in ihre dicken Winterjacken gehüllt – es ist in der Tat frisch, aber ich nehme an, die meisten haben im Auto geschlafen – und drängen sich mit einer vielstimmigen Kakophonie um den Offizier herum.

Als sich die Angelegenheit zu ihrer Zufriedenheit erledigt hat, öffnet sich die Grenze endlich. Leider zieht zur gleichen Zeit ein Sandsturm auf, der den Aufenthalt unter freiem Himmel verleidet und mich den Windschatten eines LKWs und danach, bei zunehmendem Wind, das Innere des Autos aufsuchen lässt. Die sozialen Normen in der Schlange funktionieren – wir können ebenso wie andere kurz zum Tanken die Reihe verlassen, ohne unseren Platz zu verlieren. Nur ein paar Mauretanier probieren immer wieder, diverse Lücken, die durch Fahrer auf Rauch- oder Pinkelpause entstehen, via die Überholspur zu schließen. Die Senegalesen haben jedoch alles im Griff, koordinieren das Aufschließen und sorgen dafür, dass die Übeltäter wieder hinten anschließen dürfen.

Die eigentliche Abfertigung beginnt nach 2,5-3 Stunden Warten und dauert ca. eine weitere Stunde. Alles läuft etwas langsam – wir müssen nacheinander Polizei, Zoll und Gendarmerie passieren, und es gibt nur einen Passschalter –, aber im Wesentlichen geht es korrekt und geordnet zu. Es gibt sogar ein Hinweisschild, dass das Bestechen der Grenzer unmissverständlich verbietet. Dann verlassen wir Marokko bzw. die West-Sahara und machen uns auf ins 3-4 km tiefe Niemandsland zwischen beiden Grenzposten. Dieses ist aufgrund des Konflikts zwischen Mauretanien und der Polisario stark vermint, und jegliches Abweichen von der Piste dürfte ein erfolgreicher Selbstmordversuch sein. Wobei das Fahren auf dieser den Namen kaum verdienden Piste, auf der grobe Felsplatten, Kieselsteine und kurze Sandfelder einander abwechselnd, für mich einen Mordanschlag auf unseren Bus darstellt.

Ich ertappe mich bei einem Gebet, dass wir nicht wie am Vortag eine Reifenpanne haben. In dem sich mittlerweile verdichtenden und die Sonne verhüllenden Sandsturm wäre ein erneuter Reifenwechsel wirklich das letzte, worauf ich Lust hätte. Zudem ist die Umgebung so unwirtlich wie nur möglich. Es scheint, als hätten in diesem Streifen Wüste Unmengen an Zivilisationsabfall ihre letzte Bleibe gefunden – und damit meine ich nicht nur die obligatorischen Plastiktaschen, Coladosen und Wasserflaschen, sondern auch Autoreifen und ganze Fahrzeugwracks. Zusammen mit dem Sandsturm ist diese Abfallwüste nicht weniger als beängstigend und lässt Endzeitstimmung aufkommen. Sollte jemals ein neuer “Mad Max”-Streifen gedreht werden, hätte ich einen Vorschlag für das Setting.

Ich atme auf, als dieser Höllenritt vorbei ist. Aber nur kurz. Bei der Anfahrt auf den mauretanischen Grenzposten sehen wir eine Reihe wartender Fahrzeuge, die es mit der vor der marrokanischen Grenze problemlos aufnimmt. Dabei sollte man meinen, dass dies nur die folgende Station auf dem Parcours sei und es keinen Grund gebe, warum es hier langsamer gehen sollte als vorher...

Schnell begreifen wir, wie die Dinge funktionieren. Zuerst bittet uns ein Paar aus dem Kongo, das im Niemandsland gefangen sitzt, um etwas Lebensmittel. Marius hat sie schon auf der Hinreise nach Agadir getroffen und bittet uns, unser Bestes zu tun.

(Wir erfahren später in Nouadhibou von unserem dortigen Gastgeber die Hintergründe. Es hat wohl in Dakhla einen Mord gegeben und ein Schwarzer wurde verdächtigt. Infolgedessen wurden alle dort ansässigen Neger ohne korrekte Papiere über die Grenze abgeschoben. Dass man sie nicht nach Mauretanien reinlassen würde, und wie es ihnen weiter ergehen würde, hat die marokkanischen Autoritäten wenig gekümmert. Die Geschichte klingt etwas halsbrecherisch, aber selbst wenn es sich nur um “normale” Wirtschaftsflüchtlinge auf dem Weg nach Europa handelte, die aufgrund bürokratischer Probleme im Niemandsland gefangensäßen, wäre die Situation skandalös.)

Da wir inzwischen unter Zeitdruck stehen und es fraglich ist, ob wir bei normalem Verlauf, wirft Marius ein paar Prinzipien über Bord. Mit einer Mischung aus Kreativität, Einschüchterung und ein bißchen Schmiergeld gelingt es uns, die Schlange zu umfahren und den ermüdenden Prozess abzukürzen. (“Wir haben den Direktor einer niederländischen Vogelschutzstiftung an Bord, die den Parc national du Banc d'Arguin mit einer Million Euro unterstützt. Wollen Sie ihn jetzt warten lassen?”)

Währenddessen bedrängen uns verschiedene Männer: Geldwechsler, SIM-Kartenverkäufer und Mediatoren, die versprechen, den Kontakt zwischen Grenzern und Reisenden flüssig verlaufen zu lassen. Andere, deren Funktion unklar ist, abgesehen davon, dass sie nicht offiziell ist, stehen grimmig herum. Ihre verwegene Miene unter das Gesicht verhüllenden Tüchern, die abgetragene Kleidung und das desparate und doch selbstgewisse Auftreten erinnern an einen Sergio-Leone-Film. Womit sie ihr Geld verdienen, will ich nicht wissen. Auch in Afrika gibt es also einen Wilde Westen, ein Eindruck, der durch die willkürliche Handlungsweise der Grenzbeamten noch verstärkt wird.

Irgendwann, gegen kurz vor drei, ist es tatsächlich geschafft, und wir fahren auf der Straße nach Nouadhibou. Ich frage Marius, warum Europäer so viel schneller durchkämen als (Schwarz-)Afrikaner: läge es nur am Schmiergeld, das jene nicht zu zahlen bereit seien? Eigentlich könne ihnen ja jeder Ausländer gleich sein. “Nein”, so lautet die Antwort, “in diesen Ländern läuft das so: der Neger hat zu warten, bis er an der Reihe ist.” Was mich an jenen türkischen Fußballkollegen erinnert, dessen Eltern durchaus eine niederländische Freundin akzeptieren würden. Aber keine mit schwarzer Hautfarbe.

Dreimal in Dakhla

Dakhla ist die letzte nennenswerte Ansiedlung vor der mauretanischen Grenze. Die Stadt hat einige zehntausend Einwohner und liegt malerisch auf weit einer nach Süden ausgreifenden Halbinsel. Grund genug, auf einem Campingplatz/Motel in der Nähe, mit Blick auf die Bucht von Dakhla, zu übernachten und abends für ein kleines Essen in die Stadt zu fahren. Für mich gibt es eine fritture de poisson, die u.a. Kabeljau, Merlan, und Schwertfisch beinhaltet. Obwohl das Interieur des Cafes schlicht ist und die meisten Leute vorfahren, um sich ihr Essen abzuholen, verstehen die Köche – Schwarzafrikaner – ihr Handwerk. Das Essen ist einfach, aber hervorragend. Dünn panierter und schmackhafter Fisch, eine pikante Tomatensauce, kross gebackene Fritten – so lässt es sich leben.

(Auch am Vorabend in Laâyoune haben wir hervorragend gegessen. Marius entführte uns in ein spanisch-marokkanisches Lokal, wo ich mit jedem der drei Gänge – Gazpacho, Schwertfisch und Crème caramel – hochzufrienden war. Als wir Wein zum Essen bestellten, eilte der Kellner sogar aus dem Lokal, um ihn irgendwt in der Nähe einzukaufen, unter der Bedingung, dass wir die Flasche nicht auf, sondern neben den Tisch stellen würden!)

Nach dem Essen spazieren wir noch ein wenig durch Dakhla. Ebenso wie Laâyoune ist es architektonisch eine neue Stadt, die nach dem Abzug der Spanier dank Subventionen aus Rabat von einem verschlafenen Fischerhafen zu einen regionalen Verwaltungs- und Handelszentrum entwickelt wurde. Während die Oberstadt von Laâyoune aber ganz in Rosé erbaut wurde, ist in Dakhla gelb die vorherrschende Farbe, die sämtliche sinnlose Monumentalbauten ziert – und ironischerweise auch die zentrale und in modernem Stil erbaute katholische Kirche! Als wir zur Uferpromendae schlendern und ein paar Fotos schießen, kommt ein wache stehender Soldat vorbei und weist uns freundlich und fast entschuldigend darauf hin, dass Fotografieren in der Umgebung des Militärhafens verboten sei. Die Fotos müssen wir nicht zeigen oder löschen. Selbst die zahlreich herumlaufenden Soldaten scheinen begriffen zu haben, dass ihre Präsenz der Trägheit eines bürokratischen Apparats und nicht der Präsenz eines Feindes geschuldet ist.

Am nächsten Morgen frühstücken wir in der Stadt. Dabei stellt Marius fest, dass ihm eine beträchtliche Summe Geld gestohlen wurde. Wir haben einen Verdacht, aber die Besitzer und Angestellten des Campingplatzes erklären, von nichts zu wissen. Noch einmal fahren wir nach Dakhla, diesmal um Anzeige zu erstatten. Ich laufe derweil etwas umher. Die Stadt hat schöne Ecken, die kolonialen Charme atmen, wie eine Corniche mit Palmen, spanischen Bistros und einem kleinen, von einer NGO errichteten Friedensdenkmal, aber es gibt auch noch die kleinen, mehr oder weniger schmutzigen Straßen mit ihren improvisierten Cafes, ihren Lebensmittelläden, in denen sich in jeder Ecke die Waren stapeln, und dem verführerischen Geruch von Gebratenem und Frittiertem. An einem Tag mit solch strahlend blauem Himmel hat beides seinen Reiz. Schließlich und endlich kehre ich zur Gruppe zurück, und nach einem Café auf den Schock des Diebstahls geht es weiter, gen Süden zur Grenze nach Mauretanien.

Land ohne Leute

Die West-Sahara ist eigentlich kein Land. In den siebziger Jahren zogen sich die Spanier nach Francos Tod aus ihrer Kolonie zurück und Marokko beanspruchte das Land für sich, natürlich ohne dessen Einwohner zu fragen. Ein langer Bürgerkrieg folgte. Die “Befreiungsarmee” Polisario gibt es immer noch, aber sie kontrolliert nur einen Teil des Landes, gegen die algerische Grenze an. Die größten, weil einzigen Städte Laâyoune und Dakhla, werden von Marokko kontrolliert und weisen eine entsprechende Militärpräsenz auf. Nicht nur dass man bei der Einfahrt in beide Städte mehrere Checkpoints passiert, auch im Zentrum wimmelt es von großangelegten Kasernen und militärischen Verwaltungsgebäuden. Das Wort Garnisonsstadt beschreibt also nicht nur russische Provinznester in Romanen von Lermontow oder Gogol, sondern auch die westsaharische Realität des 21. Jahrhunderts!

Angesichts der extremen Leere des Landes (1975, beim Einmarsch der Marrokaner, hatte es 100.000 Einwohner) fällt es schwer zu glauben, dass hierum ein jahrelanger Krieg gefochten wurde. Die marrokanische Regierung siedelte daher systematisch Marrokaner in der West-Sahara an und underminierte ihren Anspruch mit dem Bau monumentaler Pracht- und Zweckbauten. Diese erweisen sich in der Praxis allerdings als komplett überflüssig, wie z.B. der sechsspurige Highway am Eingang des Fischerdorfs Boujdour, oder ein überdimensionierter Kongresspalast an einem ausgedehnten Paradeplatz in Laâyoune.

Abgesehen von Laâyoune, Dakhla und ein paar kleineren Orten an der Küste gibt es im ganzen Land, das immerhin deutlich größer als die Niederlande ist, buchstäblich nichts. Kein Wunder, denn die Sahara macht Ackerbau unmöglich, und nennenswerte Industrie gibt es, von ein paar Phosphatvorkommen abgesehen, auch nicht. Die Leere der Landschaft führt allerdings dazu, dass der Reisende die Küste ohne die Anwesenheit von Bausünden genießen kann. Und die ist spektakulär. Manchmal fällt sie von Kalkfelsen steil ins Meer, oder gelbe und ockerfarbene Sandsteinschichten türmen sich zu turmhohen Klippen auf, und azurblaue, mit einem Schuß grün überzogene Wellen branden gegen feinen, durch Felsen eng umgrenzten Sandstrand an.

Gelegentlich steht oben auf der Klippe oder unten am Strand eine Wellblechhütte, bei der undeutlich ist, womit der Eigentümer sein Brot verdient, oder ein europäischer Camper, dessen Insassen sich zumeist im fortgeschrittenen Alter befinden und dem europäischen Winter entflohen sind. Scheinbar haben diese Zugvögel kein Problem damit, in einer unwirtlichen Umgebung ohne Infrastruktur mehrere Monate zu verbringen, alleine mit ihrem Gaskocher, ihren Klappstühlen – und Müll am Strand.

Kurz vor Laâyoune erscheint die Landschaft beinahe unwirklich, so gegensätzlich ist sie: die Feuchtgebiete einer vor Zugvögeln wimmelnden und teils mit Seegras bewachsenen Lagune, die durch einen dünne Reihe Sanddünen vom Meer getrennt sind, und ein sich landeindwärts erhebendes und unmittelbar an die Lagune anschließendes Vorgebirge aus Sand. Auch später, hinter Dakhla, kehr dieser Gegensatz von feucht und trocken wieder, aber dann weichen die Sanddünen trockenen, unfruchtbaren Ebenen, die in den Rot- und Brauntönen der Wüste leuchten. Beide Male nimmt mir die Landschaft den Atem und kommt mir der Gedanke, dass dieses Nebeneinander zweier Extreme auf einen Eingriff von oben zurückgehen muss. Aber den stärksten Eindruck von dieser Route hinterlässt das Schwimmen im prickelnd frischen Wasser des Kanarenstroms, deren Wellen mich wie im Schleudergang hin und her tragen. Die Sonne scheint strahlend blau vom Himmel, und eine frische Brise macht das Handtuch überflüssig. Dreimal werfe ich mich voller Euphorie ins Wasser, dreimal wirft mich das Meer nach kurzer Zeit an den Strand zurück. Zurück am Ufer atme ich gierig das Spiel von Wasser, Licht, Fels und Sand ein, dessen elementare Wucht mich lange nicht mehr so übverwältigt hat.

Tuesday, January 22, 2013

Weitere Bilder

Süd-Marokko, Küstenlagune mit Sanddünen:
West-Sahara, Steilküste:

In fremden Betten (I)

Nach drei Nächten kann ich einen kurzen Überblick die einfache Hotels in Süd-Marokko und der Westsahara geben: Die Zimmer sind schlicht, aber nicht unbedingt klein. Überall liegen Teppiche auf dem Laminat- oder Fliesenboden. Die Matratzen sind gut und nicht durchgelegen. Steckdosen zum Aufladen diverser Geräte sind knapp. Handtücher gibt es nirgends, aber ich habe mein Reisehandtuch, insofern kein Problem. Sauberkeit variiert. Manchmal, wie im Sable d'Or in Tan-Tan, ist es einwandfrei. Woanders, wie im Hotel Mekka in Laâyoune, frage ich mich, wann das Bettzeug zum letzten Mal eine Waschmaschine gesehen hat. Eine ziemlich üble Absteige, aber immerhin teilen wir sie mit der Mannschaft vom Football Club Squalem aus der Nähe von Casablanca. Diese ziemlich abgebrannt ausschauende Truppe hat gerade ein Auswärtsspiel in Dakhla, der letzten Stadt vor der mauretanischen Grenze, absolviert und befindet sich auf der Rückreise. 3.200 km hin und zurück, und zweieinhalb Tage in einem altersschwachen Bus. Wie das Spiel ausgegangen ist? 2-3 verloren. Bon voyage!

Das Tor zur Sahara

Die Reiseroute führt uns entlang der Atlantikküste von Agadir mit seinem Mittemeerklima durch die Sahara bis in die Sahelzone. Morgens bei der Abreise ist aber von Backofenglut wenig zu spüren – es ist frisch, und wir schlürfen unseren Kaffee in mehr oder weniger dicke Jacken gehüllt. Das Frühstück in einem Cafe am Weg dauert etwas länger, weil der Kellner unsere Bestellungen mehrfach falsch weitergibt. Ein älterer Herr mit Djallaba, Baseballkappe und passablem Französisch, der in einer Ecke mit einem Bekannten plaudert – der Chef persönlich? – hilft uns weiter. Dennoch dauert es eine Stunde, bis die übrigens vorzüglichen Omelette mit Tomaten und Oliven und das Brot mit dem vorzüglichen Argan-Öl den Weg in unsere Mägen gefunden hat.

Die erste Station ist der nahegelegene Sous-Massa-Nationalpark, wo der gleichnamige Fluss nicht ins Meer mündet, sondern vor einer Dünenreihe im Brackwasser versickert. Wie auch alle anderen Flüsse, denen wir bis zum Senegal begegnen. Die Vogelfreunde kommen reichlich auf ihre Kosten, aber auch für die anderen ist es ein hübscher Spaziergang mit schönen Aussichten (Fotos siehe “Erste Eindrücke”).

Der Rest des Tages ist eine lange Reise durch mal stärkeren, mal schwächeren Regen nach Tan-Tan. Wir sitzen die meiste Zeit im Auto, aber die Landschaft ist ansprechend. Zunächst geht es entlang der Steilküste nach Sidi Ifni, eine frühere spanische Enklave, in der wie in vielen Küstenorten Blau und Weiß dominieren, im Gegensatz zum Ocker und Rosé der typisch marokkanischen Architektur. Dann geht es durch die Ausläufer des Anti-Atlas nach Guelmin und weiter durch zunehmend kahle Vegetation nach Tan-Tan. Auch der Verkehr auf den zunächst vielbefahrenen Straßen verringert sich mehr und mehr. Dafür erhöht sich die Anzahl der Checkpoints, die in fröhlichem Allerlei duch Polizei, Gendarmerie oder Armee betrieben werden. An einigen davon darf Marius eine große Anzahl Papiere aushändigen, die er in vielfacher Ausfertigung mitgenommen hat. Es geht allerdings bedeutend schneller als 2005 in Turkmenistan; meistens begnügen sich die Posten mit einem kurzen Gespräch über van der Vaart und Sneijder, manche winken uns auch direkt durch.

Es ist schon dunkel, als wir in der Kleinstadt Tan-Tan ankommen. Das “Tor zur Sahara” begrüßt uns mit dem berühmten “Kamelmonument” am Ortseingang (Foto vom folgenden Morgen).

Passend dazu heißt unser Hotel Sable d'Or. Die Zimmer sind gepflegt und geräumig, die Spülung funktioniert und es gibt sogar ein ziemlich schnelles WLAN. Im Café im Erdgeschoss sind derweil die meisten Tische an die Seite gestellt, um Platz für soviele Stühle wie möglich zu machen. Marokko spielt nämlich beim Afrika-Cup gegen Angola und die lokale männliche Bevölkerung zwischen 6 und 80 Jahren hat jeden freien Platz eingenommen um das Spiel im Fernsehen zu verfolgen. Während die anderen schon zum Essen in eine nahegelegene Pizzeria trotten, schaue ich mir die Schlussphase des Spiels an. Es steht 0-0, und bei jedem Anflug einer Chance springen die Männer von ihren Plätzen auf und geben ihrer Gefühlsaufwallung Ausdruck. Wenn wieder eine Chance vergeben ist, entspringen die meisten Seufzer der Anwesenden jedoch der Erleichterung und nicht der Enttäuschung. Die traditionsreiche Mannschaft Marokkos kommt kaum aus der Verteidigung heraus und muss am Ende mit dem 0-0 hochzufrieden sein.

Danach füllen sich die Straßen und Jung und Alt, Mann und Weib, schlendern über den Corso – in anderen Worten, die Hauptstraße – von Tan-Tan. Ich treffe meine Gruppe in der Pizzeria, aber als wir gegen 22 Uhr ins Hotel zurückkehren, ist die Stadt wie ausgestorben. Alles geht schlafen, aber ich schreibe noch ein wenig und sitze später mit dem Nachtportier und seinem Sohn, der ihn besuchen gekommen ist, vor dem Haus.

Der Junge von ca. 18 Jahren spricht Französisch und fragt mich als erstes, woher ich komme. “Allemagne”. “Le pays des nazis!” Dies ist in orientalischen Ländern nicht unbedingt als Beleidigung gemeint, und ich lächle nur. Was soll man auch anderes tun. Dadurch ermutigt lautet die nächste Frage “Vous appartenez à la race gérmanique?” Glücklicherweise kommt das Gespräch auch auf andere Themen. Man reicht mir einen Stuhl, und wir plaudern vor uns hin. Der Junge ist Gymnasiast und will Jura auf Französisch studieren; sein Vater, der daneben sitzt, hat 35 Jahre lang im Militär gedient. Irgendwann geht ein kurzer Schauer nieder, und da es bereits nach Mitternacht ist und mich fröstelt, verabschiede ich mich freundlich und wünsche ihm viel Glück mit seinen Plänen. Er wird es brauchen, denn als Sohn eines Nachtwächters in Tan-Tan wird es selbst für einen intelligenten, offenen und zielstrebigen jungen Menschen nicht einfach mit der Karriere als Anwalt. Dann ziehe mich aufs Zimmer zurück, wo ich unbehelligt vom gelegentlichen Durchgangsverkehr in einen tiefen, traumlosen Schlaf falle.

Vorspiel (Wie alles begann.)

Wir schreiben Anfang Dezember 2012, und ich bin mit meinen Kräften am Ende. Hinter mir liegen eine Vorlesung mit nominell knapp 500 Studenten und viel Korrekturarbeit, die Descartes Lectures, ein Kurztrip nach San Diego und eine gelungene, aber auch anstrengende Party zum 30. Geburtstag. Zudem ist es unangenehm kalt und beginnt es zu schneien. Der Gedanke “Ich muss hier raus!” gewinnt mehr und mehr Raum. Ich erinnere ich an meine Afrikareise 2010, an mein Vorhaben, 2012 oder 2013 zurückzukommen. Da ist nichts draus geworden, weil wieder einmal tausend andere, zumeist geschäftliche Dinge wichtiger waren. Sollte ich daran vielleicht etwas ändern...?

Ich beginne zu googlen. Wo soll es hingehen? Afrika steht fest, aber welcher Teil? Der Osten – Äthiopien/Eritrea/Dijbouti steht hoch auf der Liste – aber die Reise zwischen den verfeindeten Ländern ist kompliziert und dürfte viel Zeit in Anspruch nehmen. Drei Wochen ist aber das Maximum. Gleiches gilt für Madagaskar, das zudem einen langen Flug mit Umsteigen in Paris oder Johannesburg bedeuten würde. Kann ich besser mal im Sommer hin.Trekking in den Wäldern Guineas oder Ghanas? Klingt cool, macht aber alleine weniger Spaß als zu zweit, insbesondere wenn es regnet. Senegal? Nicht verkehrt, aber ein bisschen das Kapstadt Westafrikas, die Anlaufstelle für 90% aller Reisenden. Dann erinnere ich mich an Mauretanien. Das Land zwischen Sahara und Sahel, über das ich als Kind einmal eine spannende Dokumentation gesehen habe. Ich sehe, dass das Land inzwischen beinahe keinen Tourismus mehr kennt, dank der Aktivitäten von AQIM und der konservativen Warnungspolitik der europäischen Regierungen. Beinahe alle europäischen Tourismus-Unternehmen haben Mauretanien von der Liste genommen. Ich google weiter und stoße auf eine Hauptsehenswürdigkeit des Landes, den Banc d'Arguin, sowie auf einen Niederländer, Marius Dussel, der Reisen entlang der afrikanischen Westküste organisiert. Von Agadir, Marokko in 14 Tagen bis Banjul, Gambia, mit Aufenhalt in der West-Sahara, in Mauretanien und im Senegal. Der Schwerpunkt liegt auf der Küste und auf der Vogelbeobachtung. Letzteres ist mir relativ egal, aber das Programm klingt spannend genug, und das Konzept – eine Spende an ein Entwickungshilfeprojekt in Süd-Mauretanien im Tausch gegen eine Reise zum Selbstkostenpreis – spricht mich an. Eine gute Idee, eine prickelnde Route und selbst wenn man die Spende einrechnet, ist es immer noch günstig verglichen mit kommerziellen Anbietern. Also frage ich Marius, ob ich die Gruppe evtl. im nördlichen Senegal verlassen könne, da ich dieses Land noch selbst erkunden will. Kein Problem. Man wird sich schnell einig, ich melde mich an und buche meine Flüge. Alles in Butter also... wäre da nicht das Visum für Mauretanien.

Die Islamische Republik Mauretanien, die die Sklaverei im Jahre 1981 abgeschafft hat und seit 1997 für Touristen offensteht, verlangt trotz chronischen Mangels an Devisen ein Visum. Leider gibt Marius die Postleitzahl verkehrt an, das Einschreiben wird nicht zugestellt und mein Pass beginnt den langen Marsch durch die Institutionen der deutschen Post. Als er drei Tage vor Abflug (=Freitag, der 18. Januar) immer noch nicht zurück ist, werde ich doch etwas nervös. Mit etwas Eigeninitiative und der hilfreichen Beratung durch Marius' Frau Vera ergattere ich am Mittwoch einen vorläufigen Reisepass auf dem deutschen Konsulat im Amsterdam (diese Behörde ist auch eine Geschichte für sich wert, aber die erzähle ich ein andermal). Ich übernachte bei einem Kollegen in Antwerpen und spreche einen Tag später bei der mauretanischen Botschaft in Brüssel vor, die mir eine “grande exception” gewährt und das Visum in fünf Stunden anstelle von fünf Tagen ausstellt. Rückreise nach Tilburg, ein überfälliges Paper im Zug fertigschreiben, Aufgaben für die nächsten Wochen delegieren, letzte “wichtige” Emails schreiben, hektisches Packen, leider auch die Küche putzen und alles für mehrere Wochen Abwesenheit vorbereiten. Freitag um 14:40 ist es dann soweit: der Transavia-Flieger nach Marrakesch und Agadir hebt ab und bringt mich aus dem niederländischen Winter nach Süd-Marokko. Es hat doch noch geklappt, wie immer keine Minute zu früh, aber bereits jetzt weiß ich, dass sich die Hektik und der Stress mehr als gelohnt haben.

Saturday, January 19, 2013

Erste Eindrücke

http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Souss_Massa Ein paar erste, nicht besonders aussagekräftige Fotos aus dem Sous-Massa-Nationalpark:

Ein Panthersprung nach Agadir

Eine Reise beginnt normalerweise am Ort des Abflugs. Manchmal dauert es aber, bis ich Tilburg auch mental hinter mir gelassen habe. So auch diesmal. In den letzten Tagen vor der Abreise war ich hektisch damit beschäftigt, meine Papiere zu beschaffen (warum und wieso das nötig war, erkläre ich in einem anderen Posting) und hatte gar keine Zeit, mich gedanklich auf die Reise einzustellen, weil noch tausend andere Dinge erledigt werden mussten und es bis zum Vorabend unklar war, ob ich wirklich reisen konnte. Als ich im Flieger nach Agadir die Einreisekarte mit den üblichen Fragen erhalte, frage ich mich verwundert, in welchem Hotel ich eigentlich übernachten werde. Wie üblich gebe ich eine willkürliche Adresse an und setze mich wieder an die noch ausstehenden Referee Reports.

Ach ja, mit wem reise ich eigentlich. Einen Teil bin ich alleine unterwegs, aber für die erste Woche habe ich mich einer kleinen Gruppe angeschlossen. Der Reiseleiter. Marius Dussel, ist an einem Entwicklungshilfeprojekt in Süd-Mauretanien beteiligt. Zudem organisiert er 14-tägige Reisen entlang der Atlantikküste der o.g. Länder, die zum Fundraising für die Stiftung dienen und das Projekt bekannter machen sollen. Ich werde mich dann irgendwann absetzen und noch etwas Zeit im Senegal verbringen, während der Rest nach Gambia weiterreist.

Beim Landeanflug auf Marrakesch (Zwischenhalt) beginnt die Reise wirklich. Die Berge des Atlas, auf denen der Schnee weiß funkelt. Die braune, nur von kleinen Gärten und Feldern grün gesprenkelte Erde. Die im Licht der Abendsonne ocker und rose leuchtenden kubusartigen Häuser der Stadt. Ein Ort, an dem ich gerne bleiben würde, aber das wird wohl etwas für die nächsten oder übernächsten Ferien.

In Agadir angekommen gestaltet sich die Einreise problemlos. Schneller habe ich mein Gepäck wohl noch nie erhalten. Allerdings werde ich in der Ankunftshalle von Unsicherheit ergriffen, da weder von meinen Reisegenossen noch vom Reiseleiter etwas zu sehen ist. Hätte ich doch im 200 km entfernten Marrakesch aussteigen sollen? Ich probiere Marius auf seinem marrokanischen Handy zu erreichen. Erfolglos. Umsicherheit schlägt in leichte Panik um. Es lief ja im Vorfeld schon hinreichend viel schief, sollte sich das fortsetzen? Anruf bei Marius Frau in den NL, nein, nein, Agadir sei richtig. Glücklicherweise tauchen kurz darauf alle auf, und zusammen geht es in ein einfaches Hotel in einer Kleinstadt in der Nähe. Die das Hotel umgebende Infrastruktur besteht aus einer Tankstelle französischer Provenienz, einem Tante-Emma-Laden, der auch als Bäckerei fungiert (oder umgekehrt?), und einem gigantischen Kreisverkehr.

Was macht man einmal angekommen als erstes? Natürlich, auf den Pott. Ich wundere mich, wieso ein großer Eimer neben dem Klo steht, aber als die Versuche, die Spülung zu betätigen, wiederholt scheitern, wird mir alles klar. Also ab zum Waschbecken, drei Liter in den Eimer, das Ganze ins Klo ausgießen, und die Prozedur wiederholen. Eigentlich gar keine dumme Idee, man dürfte damit sogar Wasser sparen.

Nachdem diese kleine Herausforderung bewältigt ist, geht es zu einem Cafe am o.g. Kreisverkehr, wo ziemlich amerikanisierte, aber dennoch schmackhafte marrokanische Gerichte angeboten werden und nebenher die Wiederholung des Afrika-Cup-Finales von 2012 unter starker Anteilnahme der lokalen männlichen Bevölkerung läuft. Hervorragende frisch gepresste Fruchtsäfte (ich probierte eine Orange-Avocado-Mischung) erinnern mich an die legendären iranischen Fruchtcocktails. In Ländern mit schmackhaften Früchten und warmem Klima könnte ich sogar ohne Alkohol auskommen! Auch die zur Hauptspeise gereichten Salate gefallen. (Ja, genau die, vor denen die Reiseführer wegen der Durchfallgefahr immer warnen. Aber wenn ich alles durchgekocht essen soll, bleibe ich lieber zu Hause.)

Als ich mir auf dem Rückweg noch etwas Gebäck kaufe, besteht ein wirres Zeug schwafelnder Umstehender darauf, meinen Kuchen zu bezahlen, wofür ich mich auch artig bedanke, aber einen Reim darauf machen kann ich mir nicht. Sicherheitshalber befühle ich meine Jacken- und Hosentaschen, aber in diesem Fall hatte ich es wohl nur mit einem freundlichen und leicht verwirrten Einheimischen zu tun.

Am Ende eines Abends in Marokko sind die Papers, die ich im Flieger noch referiert habe, weit ins Unterbewußtsein abgesackt. Ich nehme das mal als Zeichen, das ich mich nun auch mental auf die Reise eingelassen habe.

Über die anderen Gruppenteilnehmer berichte ich später. Ich bin mit Abstand der Jüngste (eigentlich seltsam, weil der Spaß ist nicht so teuer), aber fühle mich trotzdem wohl. Es geht locker und entspannt zu. Vier Teilnehmer kommen aus der Vogelfreundeszene, worunter auch zwei Leute mit viel Reiseerfahrung, ein Freund des Reiseleiters, und ich. Mal schauen, was die nächsten Tage bringen.