Friday, February 15, 2013

Riz au poisson

Mit dem Übergang von der West-Sahara nach Mauretanien verändert sich auch die Zubereitung des Fisches, der an der Küste in rauhen Mengen gefangen wird und abends auf den Teller kommt. Nördlich der Grenze dominieren Zubereitungsarten, die man auch in Europa findet, fritture, brochette und grillade. Fisch, Pommes frites und Gemüse bzw. Salat werden mehr oder weniger säuberlich getrennt auf dem Teller serviert. Ab Nouadhibou überwiegen an der Küste aber schwarzafrikanische Einflüsse, besonders die aus dem Senegal. (Die arabischstämmigen Nomaden betrieben keinen Fischfang, und ihre Nachfahren kennen daher keine eigenen Fischgerichte.) Das bedeutet, dass der Fisch in seine Einzelteile zerlegt wird und eine überdimensionierte Reisschüssel ziert, in der sich neben dem Reis selbst noch verschiedene gedünstete Gemüse befinden. Das ganze wird mit dem schmackhaften Gemüsefonds übergossen, der dem Reis seine rötliche Farbe gibt. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Gericht bereits gegessen habe. Sei es in einem senegalesischen Restaurant in Nouadhibou, in einem gottverlassenen Camping am Meer, oder auf dem harten Boden einer Busagentur in Nouakchott. Am letzten Tag der Reise habe ich es sogar zweimal gegessen: in einer Garküche auf Gorée und in meiner Hotelbar in Dakar. Es scheint so verbreitet zu sein wie Plov in Zentralasien. Genau wie dort gibt es auch bei riz au poisson kleine, aber bedeutsame Varianten: die verwendete Fischsorte, die Schärfe, mit der selbiger gebraten oder gegrillt wurde, die Konsistenz des Reises, die Zusammenstellung der Gemüse und den Geschamck der Sauce. Aber jedesmal war es vorzüglich. Nicht nur weil es so vorzüglich zum leicht salzigen, aber nie aufdringlichen Geruch des Atlantiks passt. Riz au poisson, der Allerweltsname des Gerichts, bekennt sich zu seinen Wurzeln in der senegalesischen Volksküche, wo es als Thie Bou Dienne bekannt ist. Der schlichte Name verschweigt aber, dass diese in großen Blechschüsseln aufgetragene und zumeist mit den Fingern gegessene Speise Opulenz und Leichtigkeit, Frische und Nahrhaftigkeit, vereint.

Monday, February 4, 2013

Bilder aus dem mauretanischen Landesinneren

Ich fasse mich kurz und lasse Bilder anstelle von Worten sprechen: Die Oase Azougui bei Atar, von der Passhöhe aus gesehen:



Die Ruinen von Ouadâne:



Die Moschee der alten Karawanenstadt Chinguetti:

Besonderheiten des mauretanischen Verkehrs

1. Der Fuhrpark. Besteht im Wesentlichen aus 30 Jahre alten Mercedes-Limousinen, japanischen Geländewagen (im Binnenland) und Eselskarren.
2. Ampeln. Im ganzen Land ungefähr 10. Dafür ab und zu Polizisten, die den Verkehr regeln.
3. Kreisverkehr. Gibt es ab und zu. Dann meistens überdimensioniert.
4. Öffentlicher Transport. Auf den Hauptachsen (von Nouakchott nach Nouadhibou, Atar und evtl. Nema) gibt es Minibusse mit festen Zeiten. Ansonsten die sogenannten Buschtaxis (taxi-brousse), in dem sich ca. 10 Menschen in einen Mercedes-Kombi quetschen, Gepäck auf dem Dach. Ein Fall für Stoßgebete, aber es gibt keine Alternative.
5. Kamele: ein häufig auftretendes Hindernis, das sich nicht groß um den Verkehr kümmert und zum Bremsen zwingt.
6. Ziegen (I). Was die Kamele außerorts sind, sind die Ziegen innerorts: ein Ärgernis. Die Mauretanier lassen ihr Vieh auch in der Stadt frei herumlaufen.
7. Ziegen (II). Sondergepäck, das in einem Sack verschnürt auf dem Dach eines Busses transportiert wird. Als ich meiner Verwunderung über diese Reisegefährten äußere (die Viecher schreien wie am Spieß), wird mir beschieden, dass dies normal sei. Vor dem muslimischen Opferfest sind es wohl gerne auch mal 10 Stück! 8. Schlaglöcher. Gibt es viele. Der Fahrer meines Buschtaxis nach Rosso wich ihnen gerne aus und fuhr dann am äußersten linken (!!!) Rand der Straße.
9. Pisten. Der Weg nach Ouadâne, Chinguetti und andere historische Stätten verläuft teilweise oder ganz über sie. Wirbeln viel Staub auf.
10. Checkpoints. Gibt es sehr viele, und zwar von verschiedenen Institutionen (Polizei, Gendarmerie, Surete Nationale). Dann dauert es eine Viertelstunde, bis die Herrschaften die Passdaten des reisenden Ausländers kopiert haben – es sei denn, man hat in rauhen Mengen “fiches” (Fotokopien des Passes) dabei. Unverzichtbares Reiseutensil.
11. Verkehr. Glücklicherweise weniger dicht als in Neapel, denn...
12. Regeln. Keine.

Auf Wiedersehen, Fiat Ducato

Ensablement (II)

Entlang der Straße nach Nouakchott befindet sich auch das mit spanischem Geld erbaute, sehr informative Besucherzentrum des Banc d'Arguin-Nationalparks. Hier erhält Marius eine folgenschwere Information: es gebe eine neue Piste nach Nhamgar, an der Baie de St. Jean gelegen, “comme du goudron” (wie Asphalt). Marius beschließt, dies auszuprobieren und dort zu übernachten, anstelle nach Nouakchott weiterzufahren. Zunächst geht alles gut, auch wenn die Piste bedeutend schlechter ist als erhofft. Dann aber endet sie plötzlich, und wir müssen mehrfach die Sandplatten gebrauchen, um den Bus zu befreien und zur parallel verlaufenden Piste am Strand vorzustoßen. Ich frage Marius, ob zurückkehren nicht die bessere Wahl ist – nein, nein, er kenne die am Ufer verlaufende Piste, und sobald man sie erreicht habe, liefe alles von selbst.

Keine halbe Stunde später stecken wir an einem berückend schönen Streifen Küste in the middle of nowhere hoffnungslos fest. Die Räder sind fast gänzlich im Sand eingesunken, es gibt kein vor, kein zurück, auch nicht mit Sandplatten. Einem Auto sind wir schon lange nicht begegnet, und bald geht die Sonne unter. Zudem haben wir weder Handyempfang noch Zelte noch ausreichend Proviant und Wasser an Bord.



In solchen aussichtslosen Situationen ertönt im Western das Signal der anrückenden Kavallerie. Für uns ist dies die Silhouette zweier französischer Jeeps: zwei Ehepaare, die auf dem Rückweg aus Guinea-Bissau nach Bordeaux sind, zögern nicht mit Hilfe eines Taus den Karren aus dem Sand zu ziehen. Allerdings tun sie dies mit soviel Elan, dass wir uns miteinander fragen, ob die nächste Rettungsaktion darin besteht, den Bus mit vereinten Kräften aus der stabilen Seitenlage zu befreien. Glücklicherweise geht aber alles gut.

Nach ausgiebigem Dank erreichen wir beim Sonnenuntergang das Dorf Nhamgar und richten uns im ortseigenen “Camping” häuslich ein. Dies sind zwei Holzhütten, die schon seit Monaten nicht mehr gebraucht wurden und weder über Elektrizität noch über fließend Wasser verfügen. Dafür liegen sie aber einsam und abgeschieden am Meer, das sich im Nachglanz der Sonne zur Ruhe bereitet. Zu dieser Stunde der Dämmerung gleicht das Blau des Wassers bereits der Tintenfarbe: tief und unergründlich, aber noch glitzern Lichtblitze auf den kleinen, wie lose Blätter hin- und herwogenden Wellen. Am Westhorizont leuchtet derweilen der Himmel noch blutorangen, was der ganzen Szene etwas Surreales und Übersteigertes verleiht.

Man hat uns im Dorf versprochen, es kämen ein Elektriker und Essen für alle. Letzteres lässt auf sich warten. Der Elektriker kommt wirklich – aber vor allem weil Marius bei einer kleinen Tour ins Dorf einen Strompfahl beim Rangieren beschädigt hat, der das ganze Dorf in nächtliches Dunkel hüllt. (Man sieht kaum einen Unterschied, da die wenigsten Hütten Elektrizität haben.) Die finanzielle Seite ist schnell und sehr glimpflich geregelt, aber unserem Kofferraum geht es weniger gut: er lässt sich durch die verbogene Stoßstange nämlich nicht mehr öffnen, so dass wir am nächsten Morgen das Auto via die Rückbank beladen.

Da das Essen immer noch nicht eintrifft und manche schon gar nicht mehr damit rechnen, schwimme ich eine Runde im Mondlicht, und siehe da, gerade als ich wieder an Land gehe, mit dem appetitanregenden Salzgeschmack auf den Lippen, wird eine Riesenschlüssel poisson au riz angeliefert. Sie dachten, wir wären mit 14 Leuten. Klar, dass das was länger dauert.

Obwohl wir den ganzen Tag kaum etwas gegessen haben, bleibt ordentlich was über. Wir gehen schnell schlafen, weil am nächsten Tag müssen wir früh aufstehen. Es geht den Strand entlang Richtung Nouakchott, und das geht nur bei Ebbe. (Denselben Weg zurückzufahren war keine Option, warum, dürfte klar sein.)

Pünktlich zum Sonnenaufgang, der ein weiches goldenes Licht über den blauen Himmel wirft, geht es los. Wir brauchen noch ein letztes Mal die Sandplatten, um den Strand zu erreichen. Dann sind wir unten. Dort können wir nur auf einem wenige Meter schmalen Streifen zwischen Dünen und Meer fahren – ansonsten würden wir direkt einsinken. Aber das geht flott – bedauerlich ist nur, dass ich kaum Fotos machen kann, da Marius Angst hat, dass wir bei einer Pause den Wagen danach nicht mehr flottkriegen.



Es wird eine atemberaubende Fahrt, auf der wir baumhohe Dünen passieren, die nahezu senkrecht ins Meer fallen. Nach einer Stunde und knapp 50 km sind wir – leider – am Ziel und nun geht es über die Schnellstraße in die mauretanische Hauptstadt, wo ich die Gruppe wie geplant verlasse, um in die Adrar, das mauretanische Binnenland, zu reisen. Ja, es gibt noch mal eine Reifenpanne, deren Reparatur etwas länger dauert (wir können den Kofferraum ja nicht öffnen). Aber was soll's: es war eine spannende, faszinierende und manchmal auch aufregende Tour! Allen Teilnehmern ein herzliches Dankeschön!